Freude und Leid liegen an diesem Tag eng beieinander: In Pumpunya begegnet die Freiburger Delegation den Folgen des Erdbebens, betet mit den Angehörigen der Verstorbenen und erlebt die große Not der Menschen. In Chupaca trifft sie auf eine lebendige Gemeinde, konkrete Partnerschaftsarbeit und die Freude am gemeinsamen Glauben. Beim Gottesdienst wird deutlich: Die Partnerschaft zwischen Freiburg und Peru trägt in schweren wie in frohen Zeiten.
Der Tag führt die Delegation zunächst nach Pumpunya, einem kleinen Ort, der von dem Erdbeben besonders schwer getroffen wurde. Schon bei der Ankunft sind die Folgen überall sichtbar. Häuser sind eingestürzt oder stark beschädigt, Schutt liegt an den Straßen, Lastwagen bringen Hilfsgüter und Räumfahrzeuge transportieren Trümmer ab. Polizei, Militär, Behörden und Hilfsorganisationen sind im Einsatz. Viele Familien schlafen weiterhin in Zelten, weil ihre Häuser unbewohnbar sind oder sie sich aus Angst vor weiteren Erdstößen nicht hineinwagen. Pumpunya gilt als der am stärksten betroffene Ort der Region.
Die Erzdiözese Huancayo arbeitet gemeinsam mit Caritas und den zuständigen Behörden daran, die Hilfe zu koordinieren und die betroffenen Familien zu begleiten. Der Unterstützungsbedarf wird noch lange bestehen bleiben.
Im Mittelpunkt des Besuchs steht das gemeinsame Totengebet mit den Angehörigen der Verstorbenen. Drei Menschen sind zur Totenwache in Särgen aufgebahrt. Familienangehörige, Freundinnen und Freunde haben sich um sie versammelt und begleiten sie einen Tag und eine Nacht im Gebet.
Erzbischof Luis Alberto Huamán Camayo, der seit 2024 Erzbischof von Huancayo ist, erinnert an die Bedeutung der vielen Kerzen neben den Särgen. Das Licht begleite einen Menschen von der Taufe an durch sein Leben. Auch im Tod erlösche dieses von Gott geschenkte Licht nicht. Die Verstorbenen leuchteten ihren Angehörigen nun aus der Ewigkeit und könnten auch den Trauernden ein Licht in diesen schweren Tagen sein.
Erzbischof Stephan Burger spricht den Familien seine Anteilnahme aus: „Wir sind mit Ihnen verbunden in Ihrem tiefen Schmerz.“Angesichts eines solchen Verlustes dränge sich der Schrei Jesu am Kreuz auf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Auch Christus habe den Schmerz dieser Welt erfahren. Der christliche Glaube vertraue darauf, dass seine Liebe stärker sei als der Tod und die Menschen über diese irdische Welt hinaus miteinander verbinde.
Erzbischof Stephan bittet um Kraft und Trost für die Hinterbliebenen und um eine Heimat bei Gott für die Verstorbenen. Anschließend betet die deutsche Delegation das Vaterunser auf Deutsch.
Während des Gebets ist erneut eine Bewegung der Erde zu spüren. Die Reaktion der Anwesenden zeigt, wie tief die Erfahrungen der vergangenen Tage sitzen. Menschen schrecken auf, Unruhe breitet sich aus. Eine Frau klammert sich an ein Mitglied der Delegation und bekommt vor Angst kaum noch Luft. Die Sorge vor weiteren Erdstößen begleitet die Menschen ständig.
Beim anschließenden Rundgang durch Pumpunya wird das Ausmaß der Zerstörung sichtbar. Viele Bewohnerinnen und Bewohner hatten beim Beben kaum Zeit, ihre Häuser zu verlassen. Nun versuchen sie, sich provisorisch einzurichten und das zu retten, was ihnen geblieben ist.
Zugleich begegnet der Delegation eine große Hilfsbereitschaft. Nachbarinnen und Nachbarn räumen gemeinsam auf, teilen Lebensmittel und kümmern sich um besonders betroffene Familien. Verwandte aus umliegenden Dörfern bringen Zelte und Dinge des täglichen Bedarfs. Einige von ihnen haben selbst Schäden erlitten und nur wenig zur Verfügung. Dennoch geben sie Pumpunya den Vorrang, weil die Not hier besonders groß ist.
Zu den vielen Zeichen der Solidarität gehören auch bedrückende Erfahrungen. Menschen berichten von Diebstählen in den zerstörten Häusern und von Personen, die sich als Helfer ausgeben. Einer Familie etwa wurde das Zelt gestohlen, während sie an einer Totenwache teilnahm.
Erzbischof Stephan Burger und Landesbischöfin Heike Springhart zeigen sich nach der Begegnung tief bewegt. Die offenen Särge und die zerstörten Häuser führen ihnen die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens vor Augen. In einer solchen Situation könne die Delegation vor allem bei den Menschen sein, mit ihnen beten und materielle Hilfe ermöglichen, erklärt die evangelische Landesbischöfin von Baden. Erzbischof Stephan spricht von der Verantwortung der großen Menschheitsfamilie füreinander und von der Bewahrung der Schöpfung. Angesichts der offenen Särge werde spürbar, wie angewiesen Menschen aufeinander und wie abhängig sie von der Natur seien. Er wünsche den Betroffenen, dass sie sich von Gottes Liebe getragen wissen und neue Kraft für die Zukunft finden.
Von Freiburger Seite ist finanzielle Unterstützung für die Hilfe im Erdbebengebiet vorgesehen. Die langjährige Partnerschaft mit Peru bekommt damit eine sehr konkrete Bedeutung.
Eine Kirche als Zeugnis der Geschichte
Anschließend besucht die Delegation die historische Iglesia Matriz Santiago León in Chongos Bajo. Die Kirche wurde 1565 unter Mitwirkung der damaligen indigenen Dorfgemeinschaften errichtet und zählt zu den ältesten Gotteshäusern der Region. In ihrer Architektur und Ausstattung begegnen sich lokale Traditionen und die spanisch-koloniale Kunst. Das Dach der Kirche ist größtenteils eingestürzt und in den Wänden haben sich große Risse gebildet.
Die Verantwortlichen vor Ort sind jedoch zuversichtlich, dass die Schäden an der Kirche restauriert werden können. Dabei sollen möglichst die ursprünglichen Baustoffe und traditionellen Techniken verwendet werden. Das Gebäude besitzt für die Menschen eine hohe religiöse, kulturelle und künstlerische Bedeutung. Das Erdbeben hat damit auch ein wichtiges Zeugnis der Geschichte Chongos Bajos getroffen.
Begegnung in einer ländlichen Schule
Nach dem Vormittag im Erdbebengebiet fährt die Delegation weiter zu einer Schule in einer abgelegenen ländlichen Gemeinde. Kinder, Jugendliche, Lehrkräfte und Familien empfangen die Gäste und haben ein gemeinsames Mittagessen vorbereitet.Serviert wird eine Pachamanca, ein traditionelles Gericht der Anden. Fleisch, Kartoffeln und weitere Zutaten werden mithilfe erhitzter Steine in einer Erdgrube gegart. Nach den schweren Eindrücken des Vormittags bietet das gemeinsame Essen Raum für Begegnungen und Gespräche.Die Schule gehört zu den Einrichtungen, die von der pastoralen und sozialen Arbeit der Pfarrei und von einzelnen Partnerschaftsprojekten profitieren.
Die Partnerschaftsarbeit in Chupaca
Zurück in Chupaca berichten die Verantwortlichen der Pfarrei und der Partnerschaftsgruppe von ihrer Arbeit. Seit einigen Jahren besteht eine Verbindung zur Partnerschaftsgruppe in Zeutern.
Die vorgestellten Projekte der Partnerschaftsgruppe verbinden Katechese, Bildung und soziale Unterstützung. Beim Projekt „Pan para compartir“ werden über die Bäckerei Frühstücke für Schulkinder hergestellt. Zu Beginn des Schuljahres erhalten rund 2.200 Kinder Schulmaterialien. Einige der beteiligten Schulen liegen weit entfernt, sodass die Verteilung mit langen Wegen verbunden ist.Auch die Katechese in den ländlichen Gebieten gehört zu den Schwerpunkten. Kinder und Jugendliche sollen die Pfarrei als Gemeinschaft kennenlernen und ihren Glauben gemeinsam leben können. In der Bäckerei finden Kurse statt, bei denen Kinder und Jugendliche Brot, Kuchen und Torten herstellen. Mit den Einnahmen aus der Bäckerei können kleinere Ausgaben der Pfarrei finanziert werden, etwa Renovierungsarbeiten an Kirchengebäuden.
Weitere Angebote an Schulen vermitteln praktische Kenntnisse im Nähen und im Schreinerhandwerk. Ein ökologisches Projekt beschäftigt sich mit dem Pflanzen von Bäumen und dem Anbau von Gemüse. Ein weiteres Angebot richtet sich an Menschen mit Behinderung. Sie treffen sich regelmäßig, beschäftigen sich mit Glaubensthemen und mit der Bewahrung der Schöpfung, stellen eigene Produkte her und essen gemeinsam. Der Verkauf ihrer Erzeugnisse ermöglicht ihnen ein kleines Einkommen.
Zu Weihnachten verteilen die Verantwortlichen warme Kleidung an Kinder. Panettone werden auch zu abgelegenen Schulen gebracht, damit jedes Kind einen mit nach Hause nehmen kann.
Freude und Leid an einem Tag
Am Abend feiert die Gemeinde gemeinsam mit der Delegation Eucharistie. In seiner Predigt greift Erzbischof Stephan die Erfahrungen des Tages auf. Am Morgen habe die Delegation in Pumpunya Trauer, Tod und Zerstörung erlebt. Am Nachmittag sei sie Kindern, Jugendlichen und einer lebendigen Gemeinschaft begegnet.
Freude und Leid seien an diesem Tag eng zusammengerückt. Die Frage nach dem Grund einer solchen Katastrophe lasse sich nicht einfach beantworten. Die biblischen Texte sprächen jedoch von der Sehnsucht nach Heimat, Geborgenheit und einer heilen Welt. Gott rufe die Menschen dazu auf, gemeinsam an der Erfüllung dieser Sehnsucht zu arbeiten.Dabei erinnerte er an das Evangelium des Tages: Wer den Willen des Vaters tue, gehöre zur Familie Jesu. Dieser Wille Gottes zeige sich in der gelebten Liebe, in Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und gegenseitiger Unterstützung.
Die Partnerschaft zwischen der Erzdiözese Freiburg und den peruanischen Ortskirchen gebe dieser Verbundenheit seit 40 Jahren eine konkrete Gestalt. Menschen unterstützten einander in ihrer Arbeit, trügen sich in schwierigen Zeiten und beteten füreinander. Erzbischof Stephan dankt der Gemeinde für ihre Gastfreundschaft und Herzlichkeit.
Als Zeichen dieser Verbundenheit überreicht er Erzbischof Luis Alberto eine Stola. Sie trägt ein Kreuzmotiv mit Bezug zum Freiburger Münster und ein Zeichen der Gottesmutter Maria, unter deren Patronat die Erzdiözese Freiburg steht. Beide Symbole sollen die Partnerschaft in die Zukunft begleiten.
Zum Abschluss kommt die Gemeinde mit ihren Gästen zum Abendessen zusammen. So endet ein Tag, an dem Trauer, Gastfreundschaft, pastorale Arbeit und konkrete Hilfe eng beieinanderlagen. Besonders gegenwärtig bleibt das Bild der vielen Kerzen in Pumpunya und die Hoffnung, die Erzbischof Luis Alberto mit ihnen verbunden hat: Das von Gott geschenkte Licht begleitet die Menschen auch über den Tod hinaus.