Tagebuch Perureise 2026: Tage 1 und 2

Kirche mitten im Leben

Nach anstrengender Reise und herzlicher Begrüßung bricht die Delegation direkt nach San Juan de Lurigancho auf, einem der am stärksten wachsenden Stadtteile Limas. Zwischen Schule, Pfarreien und Einrichtungen für Menschen mit Behinderung zeigt sich, wie vielfältig Kirche hier präsent ist und auf die Herausforderungen einer wachsenden Stadt reagiert. Im Mittelpunkt stehen dabei Gespräche, gemeinsamen Mahlzeiten und persönlichen Begegnungen, die diesem Tag und der Partnerschaft ein Gesicht geben.

 
Tag 1
Mit einer kleinen Delegation starteten wir in den frühen Morgenstunden in Richtung Peru. Nach Zwischenstopps, Sicherheitskontrollen, einigen organisatorischen Hürden und vielen ersten Gesprächen erreichten wir am Abend schließlich Lima. Den Abschluss des Tages bildete ein herzliches Abendessen in kleiner Runde in der deutschen Gemeinde. Bei einer gemeinsamen Brotzeit und dem ersten Pisco Sour – Perus Nationalgetränk – konnten wir ankommen, bevor uns ein Ausblick auf das Programm des kommenden Tages erwartete.

Nach einem langen Reisetag gab es am Ende nur noch einen gemeinsamen Wunsch: schlafen. Morgen beginnt das eigentliche Jubiläumsprogramm zum 40-jährigen Bestehen der Partnerschaft.
 
Tag 2
Der zweite Tag der Delegationsreise führte uns nach San Juan de Lurigancho, dem größten Distrikt Perus und Teil der Diözese Chosica. Das Gebiet wächst seit Jahrzehnten kontinuierlich. Viele Menschen ziehen aus den Anden nach Lima und lassen sich an den Berghängen nieder. Rund 85 Prozent der Bevölkerung sind katholisch. Auf die 31 Pfarreien der Diözese kommen im Durchschnitt etwa 61.000 Katholikinnen und Katholiken. Allein diese Zahlen machen deutlich, vor welchen pastoralen Herausforderungen die Kirche hier steht.
 
Schon auf der Busfahrt gab Pfr. Tiberius Szeles, der seit Kurzem die Partnerschaft auf peruanischer Seite begleitet, ausgestattet mit Lautsprecherbox und Mikrofon, einen Einblick in die Stadt. Lima liegt in einer Küstenwüste und zählt nach Kairo zu den größten Wüstenstädten der Welt. Der Río Rímac – sein Name stammt aus dem Quechua und bedeutet „der Flüsternde“ – versorgt die Millionenstadt und die angrenzende Hafenstadt Callao mit Wasser. Auch auf soziale Unterschiede innerhalb der Stadt machte Tibor aufmerksam. Einige Häuser in ärmeren Vierteln seien bewusst bunt gestrichen worden. Dadurch entstehe – etwa vom Küstenbereich aus – ein freundlicheres Gesamtbild der Berghänge. Auffällig war außerdem der Straßenverkehr: Zwar gibt es Ampelanlagen, an vielen Kreuzungen wird der Verkehr jedoch zusätzlich von Polizistinnen und Polizisten geregelt, die den Verkehrsfluss häufig effizienter steuern als die Ampeln selbst.
 
Erster Programmpunkt war der Besuch der Schule Fe y Alegría 37. Das Bildungswerk der Jesuiten wurde 1955 in Caracas gegründet und setzt sich bis heute für hochwertige Bildung insbesondere in benachteiligten Regionen ein. Die Schule entstand auf Initiative des ehemaligen Misereor-Hauptgeschäftsführers Josef Sayer; ihre Bibliothek trägt heute seinen Namen.
 
Die Begrüßung fiel herzlich aus. Die Delegation erhielt traditionelle gestrickte Mützen mit peruanischen Motiven, in Erinnerung an die Inka-Kultur. Anschließend gestalteten die Schülerinnen und Schüler ein abwechslungsreiches Programm. Kinder mit Behinderung eröffneten den Empfang mit einem Tanz und luden die Gäste zum Mittanzen ein. Danach folgte die Marinera, einer der bekanntesten Tänze Perus, der seinen Ursprung im Norden des Landes hat und traditionell mit weißen Taschentüchern getanzt wird. Musik und Tanz bildeten den Rahmen für den eigentlichen Schwerpunkt des Besuchs: das persönliche Kennenlernen.
 
In der Cafeteria stellten sich die Schülerinnen und Schüler der Partnerschafts-AG der Schule vor. Sie erzählten, warum sie sich engagieren und was ihnen der Austausch bedeutet. Dabei wurde deutlich, dass das Erlernen einer Sprache für sie eng mit Begegnung verbunden ist. Englisch wird ohnehin an der Schule unterrichtet. Durch den Austausch erhält das Lernen jedoch einen konkreten Bezug: Es ermöglicht Gespräche, Freundschaften und Einblicke in andere Lebenswirklichkeiten.
 
Während kleine Spezialitäten aus verschiedenen Regionen Perus und Inca-Cola gereicht wurden, dankte Erzbischof Stephan Burger den Schülerinnen und Schülern für ihr Engagement. Er hob hervor, dass solche Begegnungen weit über den Erwerb von Sprachkenntnissen hinausgehen. Sie seien eine Schule der gegenseitigen Wertschätzung und des respektvollen Umgangs miteinander. Gleichzeitig machte er deutlich, dass ein friedliches Miteinander nie selbstverständlich sei. Es müsse immer wieder neu gelernt, eingeübt und gelebt werden. Eine Gesellschaft, die von gegenseitigem Respekt geprägt ist, entstehe nicht von selbst, sondern wachse durch viele kleine Schritte und die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen.
Anschließend überreichte die Delegation Gastgeschenke zum 40-jährigen Partnerschaftsjubiläum, darunter eigens gestaltete Partnerschaftstassen sowie Schokolade mit dem Wappen des Erzbischofs. Mit einem Augenzwinkern fügte dieser hinzu, dass die Schokolade selbstverständlich trotzdem gegessen werden dürfe.
 
Im weiteren Verlauf des Vormittags besuchten wir die Pfarrei Cristo Liberador und anschließend die höher gelegene Kapelle Cristo Rey. Dort wurde sichtbar, wie dynamisch sich die Gemeinden entwickeln. Neue Wohngebiete entstehen, eine Grundschule befindet sich im Bau, pastorale Räume sind bereits vorhanden. Gleichzeitig fehlen – ähnlich wie in Deutschland – Priester und pastorale Mitarbeitende, um die wachsenden Gemeinden langfristig begleiten zu können.
 
Hier wurde die Delegation zu einem kleinen Imbiss eingeladen. Serviert wurde Causa, ein traditionelles peruanisches Kartoffelgericht. Der Name erinnert an die Unabhängigkeitsbewegung Perus; zugleich bedeutet causa im heutigen Sprachgebrauch auch „Freund“ oder „Kumpel“. Die Gastgeber verbanden beides miteinander und luden dazu ein, das gemeinsame Essen als Zeichen wachsender Verbundenheit zu verstehen.
 
Anschließend führte der Weg zur Pfarrei El Señor de la Esperanza, der Mutterpfarrei von Cristo Liberador. Dort wurde deutlich, dass Kirche in Chosica viele unterschiedliche Aufgaben miteinander verbindet. Zum Gelände gehören neben der Kirche medizinische Untersuchungsräume, Bildungsangebote, Sozialarbeit und Einrichtungen für Menschen mit Behinderung.
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf dem Besuch von Fe y Alegría 25, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Die Verantwortlichen berichteten, dass Behinderungen in Peru vielfach noch mit Vorurteilen und Ausgrenzung verbunden sind. Ziel der Einrichtung sei es deshalb, Menschen mit Behinderung selbstverständlich am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen und ihre Würde sichtbar zu machen.
 
Der Bischof der Diözese Chosica betonte, dass die Aufgabe der Kirche darin bestehe, den Menschen zu zeigen, dass Gott sie liebt. Daraus leite sich der Auftrag ab, sich um den ganzen Menschen zu kümmern – unabhängig davon, ob es um Bildung, Gesundheit, soziale Unterstützung oder Seelsorge gehe.
Dieser Gedanke findet sich auch in der Enzyklika Magnifica humanitas von Papst Leo XIV. Dort heißt es, dass gerade die Begegnung mit Krankheit, Behinderung und menschlicher Verletzlichkeit den Blick auf die Würde jedes Menschen schärfen kann. Eine Gesellschaft wachse nicht dadurch, dass sie Schwäche ausblendet, sondern dadurch, dass sie lernt, Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit anzunehmen. Was in dem Dokument beschrieben wird, ließ sich während der Besuche ganz konkret beobachten.
 
Das Mittagessen fand im Centro Peyton der Ordensgemeinschaft vom Heiligen Kreuz statt. Dort erfuhren wir auch etwas über die Geschichte des Geländes. Ein großer Felsen, der das Grundstück einst prägte, wurde nach und nach abgetragen. Aus den Steinen entstand ein Freilufttheater, das für kulturelle Veranstaltungen genutzt wird. Auch darin zeigt sich der Anspruch, Kirche nicht auf Liturgie oder Sozialarbeit zu beschränken, sondern Räume für Bildung, Kultur und Begegnung zu schaffen.
 
Den Abschluss des Tages bildete der Gottesdienst in der deutschsprachigen Gemeinde San José in Miraflores. In seiner Predigt nahm Erzbischof Burger die Vision des Propheten Jesaja auf, in der Menschen aus allen Völkern gemeinsam den Weg zu Gott finden. Angesichts der vielen Konflikte unserer Zeit wirke diese Hoffnung oft weit entfernt. Gott habe jedoch jedem Menschen etwas ins Herz gelegt: die Fähigkeit, Liebe zu schenken und Liebe zu empfangen. Und in auch nur im weltweiten Maßstab kleinen Zeichen dieser Liebe, wie sie in der Partnerschaft geschehen, nimmt ebendiese Liebe konkret Gestalt an.
 
Beim anschließenden Empfang richtete die deutsche Botschafterin einige Grußworte an die Gemeinde. Landesbischöfin Heike Springhart erinnerte daran, dass die Evangelische Landeskirche in Baden seit ihrer Gründung, die in ein Jahr mit der peruanischen Unabhängigkeit fällt, unterschiedliche Traditionen unter einem Dach vereint. Gemeinschaft bedeute deshalb nicht Gleichförmigkeit. Unterschiedliche Menschen könnten miteinander glauben, feiern, singen und auf Frieden hoffen.
 
Nach einem Tag voller Begegnungen blieb vor allem der Eindruck, dass sich vieles erst im persönlichen Austausch erschließt. Zahlen können die Größe einer Diözese beschreiben, Programme den Ablauf eines Besuchs. Was eine Partnerschaft trägt, zeigt sich dagegen vor allem dort, wo Menschen miteinander ins Gespräch kommen, voneinander erzählen und sich gegenseitig Einblick in ihren Alltag geben.
 
  
 
Dorothée Kissel