Das Kreuz „No Matarás“ – Du sollst nicht töten

11.06.2026 | Erinnern, beten, handeln: Ein Weg des Gedenkens und der Hoffnung

Gewalt hinterlässt Spuren – in den Erinnerungen der Menschen und im öffentlichen Raum. Ein Kreuz in San Juan de Lurigancho steht seit mehr als vier Jahrzehnten als Mahnmal für Frieden, Gerechtigkeit und die Würde jedes Menschen. Ihre Botschaft ist heute aktueller denn je.

Mitten in San Juan de Lurigancho, an einer Wegkreuzung der wichtigsten Verkehrsarterie, steht das Kreuz „No Matarás“ – „Du sollst nicht töten“. Es erinnert an die tragischen Ereignisse des 14. Dezember 1983. Nach einem Aufstand im Gefängnis Castro Castro versuchten neun Häftlinge gemeinsam mit Geiseln, darunter die Ordensschwester Juana Sawyer, das Gefängnis zu verlassen. Obwohl ihnen eine sichere Ausreise zugesagt worden war, wurde das Fahrzeug wenige Minuten später von Sicherheitskräften unter Beschuss genommen. Mehrere Menschen verloren dabei ihr Leben, unter ihnen Schwester Juana, die sich freiwillig entschlossen hatte, die Gefangenen zu begleiten.
 
Die Empörung über diese Ereignisse war groß. Viele Menschen fragten sich: Kann Gewalt wirklich Gewalt überwinden? Darf der Staat töten, um Ordnung wiederherzustellen? Als Zeichen der Erinnerung wurde dieses Kreuz errichtet. Darauf steht das fünfte Gebot: „Du sollst nicht töten.“ (Ex 20,13)
Damals befand sich Peru mitten in den Jahren des Terrorismus und der politischen Gewalt. Mehr als vier Jahrzehnte später hat dieses Wort nichts von seiner Aktualität verloren.
 
Seit vielen Jahren pilgern die Menschen am zweiten Sonntag im Juli zur „Cruz No Matarás“. Die jährliche Friedenswanderung erinnert nicht nur an 1983, sondern macht auch auf die heutigen Formen der Gewalt aufmerksam. Ausgrenzung, Korruption, Kriminalität und Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer Menschen haben ihre Gestalt verändert, sind aber weiterhin Teil des gesellschaftlichen Alltags.
 
So wird deutlich: Das Kreuz spricht nicht nur von der Vergangenheit. Es richtet sein Wort an die Gegenwart. Der diesjährige Leitgedanke lautet: „Vida digna – sin violencia ni extorsión. – Ein würdiges Leben – ohne Gewalt und ohne Erpressung.“
 
Damit erhält das Gebot Gottes eine neue Aktualität. „Du sollst nicht töten“ bedeutet heute nicht nur, auf den Abzug einer Waffe zu verzichten. Es bedeutet auch, keine Angst zu verbreiten, keine Menschen durch Drohungen zu unterwerfen, keine Familien durch Erpressung in Verzweiflung zu stürzen und nicht gleichgültig zu werden angesichts des Leidens anderer.
 
Das Kreuz stellt uns eine grundlegende Frage: Welche Gesellschaft wollen wir sein? Eine Gesellschaft der Angst oder eine Gesellschaft des Lebens? Eine Gesellschaft der Gewalt oder eine Gesellschaft der Würde? Auf staatlicher Ebene: Demokratie statt Autoritarismus.
 
Für uns Christen ist die Antwort im Kreuz Christi sichtbar. Das Kreuz das Zeichen der Liebe, die stärker ist als Hass und Tod. Wer vor dem Kreuz „No Matarás“ betet, bittet nicht nur um Frieden für die Verstorbenen. Er verpflichtet sich zugleich, selbst zum Werkzeug des Friedens zu werden. So wird die Friedenswanderung nicht nur zu einer Gedenkveranstaltung, sondern zu einem öffentlichen Glaubenszeugnis. Gott will das Leben. Durch die Partnerschaft verbunden, erheben wir gemeinsam mit den Menschen von San Juan de Lurigancho unsere Stimme für Frieden, Gerechtigkeit und die Würde jedes Menschen.
 
Herr Jesus Christus, du bist gekommen, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben. Lass uns die Würde jedes Menschen achten. Heile die Wunden der Gewalt in unserer Gesellschaft. Schenke den Verstorbenen deinen Frieden, tröste die Opfer von Unrecht und Gewalt und mache uns zu Werkzeugen deiner Versöhnung. Amen.
 
Pfr. Tiberio Szeles