Moderne Geier ohne Federn
12.06.2026 |
Bericht einer Freiwilligen des Vamos-Programms
Die peruanische Regierung hat die Abschaffung des Stipendiums „Generación Bicentenario“ angekündigt. Das Bildungsministerium gab bekannt, der Beschluss gehe auf „eine Umstrukturierung des Nationalen Stipendienprogramms sowie auf eine Neupriorisierung im Haushalt“ zurück. Das Stipendium ermöglichte bisher peruanischen Studierenden mit herausragenden Leistungen Postgraduiertenstudien an renommierten Universitäten weltweit.
Die Autorin dieses Gastbeitrages, Diana Lucano, ist Agraringenieurin und hat ihren Abschluss an einer der renommiertesten Universitäten Perus gemacht. Ursprünglich aus Tumbes stammend, wurde sie dank ihrer außerordentlichen Leistungen in das staatliche Stipendiensystem aufgenommen, was es ihr ermöglichte, aus den prekären Lebensverhältnissen ihrer Familie auszubrechen. Derzeit lebt sie in Freiburg, wo sie im Rahmen des Weltwärts-Programms ein Freiwilliges Soziales Jahr macht. Ausgehend von ihrer Lebensgeschichte verdeutlicht sie, was diese Kürzung bedeutet, und verteidigt den Zugang zu Bildung als unverzichtbaren Motor für die Entwicklung Perus.
Als ich fünf Jahre alt war, begleitete ich meine Mutter zu einem Stück Brachland, wo meine Familie Flaschen, Kartons und alles, was sich verkaufen ließ, recycelte. In kindlicher Unschuld breitete ich einen Sack aus und legte alle Spielsachen hinein, die ich herumliegen sah, um damit zu spielen. Ich sah um mich herum viele junge Menschen, die herumlungerten, versunken in einer Welt der Sucht. Ihre einzige Hoffnung war, einen wertvollen Gegenstand zum Verkaufen zu finden, den andere weggeworfen hatten. Die meisten stammten aus zerrütteten Familien, waren minderjährig und völlig sich selbst überlassen.
Ich wuchs an diesem Ort auf, den niemand sehen oder besuchen wollte, einem Ort, wo Gleichgültigkeit normal ist und niemand einen Sinn für Hilfe oder Würde hat. Ich verstand, dass auch diese Jugendlichen, die die Welt als Abschaum der Gesellschaft betrachtete, Opfer eines Systems waren, das ihnen den Rücken gekehrt und sie ebenso wie uns vergessen hatte. Um mich herum sah ich Nachbar*innen mit riesigen Häusern, Ladenbesitzer*innen, zu denen ich manchmal zum Fernsehschauen ging, und von denen ich oft hinausgeworfen wurde, weil ich ihrer Meinung nach einen schlechten Eindruck machte. Damals, im Alter von fünf Jahren, wurde mir klar, dass der einzige Weg, das einzige Mittel, das ich hatte, eine gute Schulbildung war. Also fing ich an, Bücher zu sammeln, die ich herumliegen sah, und verschlang sie mit atemberaubender Geschwindigkeit. Meine Eltern hatten gerade mal die Grundschule abgeschlossen, und meine Großeltern konnten weder lesen noch schreiben. Mein Schicksal stand fest, oder zumindest dachten das alle: Meine Zukunft bestand darin, eine weitere Zahl in der Statistik der Regierung zu sein, vielleicht eine jugendliche Mutter, oder wer weiß, welches Schicksal mir hätte bestimmt sein sollen.
Als ich fünfzehn war, schloss ich meine Schulzeit als beste Schülerin der ganzen Schule ab. Ich machte meinen Abschluss mit Auszeichnung, und alle prophezeiten mir Erfolg. Doch mir wurde die Realität bewusst: Ich war intelligent und begabt, aber ich hatte kein Geld, um die Aufnahmeprüfung an der staatlichen Universität in Peru zu bezahlen – eine Summe, die für meine Familie viel zu hoch war. Wir hatten schon Glück, wenn wir genug zu essen hatten, und an eine solche Summe war nicht zu denken. In den letzten Schultagen kam eine Regierungsmitarbeiterin, um uns über Stipendien zu informieren, die der Staat für Schüler*innen mit hervorragenden schulischen Leistungen anbot. Sie sagte, dass Universitäten aus der Hauptstadt zu uns kommen würden, um kostenlose Aufnahmeprüfungen abzunehmen. Zunächst hielt ich das für einen Schwindel. Es erschien mir undenkbar, dass die Regierung in Menschen investieren würde, die kein Geld haben. Ich war damit aufgewachsen zu sehen, wie alte Menschen und Kinder vor den Türen der Krankenhäuser starben, weil es weder Geld noch medizinische Versorgung gab, und wie Ärzte taten, was sie konnten, während gleichzeitig mangelnde Sensibilität vorherrschte. Alte Menschen weinten, weil sie in einem System überleben wollten, das alles korrumpiert hat, vor allem für die Menschen ganz unten, in Krankenhäusern, in denen es weder Medikamente noch Untersuchungen gab. In dieser Situation schien es mir unmöglich, dass die Regierung daran dachte, uns eine Chance zu geben: Bildung.
Damals wagte ich es, die Aufnahmeprüfung an einer Universität zu machen, die im Rahmen eines Regierungsprogramms zur Suche nach talentierten Studierenden aus der Hauptstadt gekommen war. Das veränderte mein Leben. Ich wurde an der Universität aufgenommen, und die Regierung finanzierte meine fünfjährige Hochschulausbildung. Ich zog mit staatlicher Unterstützung in die Hauptstadt; es waren fünf sehr harte Jahre. Die Anforderungen des Studiums waren brutal, aber ich habe es geschafft. Ich schloss mein Studium an einer der besten Universitäten Perus ab. Wenn ich an diesen Moment zurückdenke, habe ich das Gefühl, gerettet worden zu sein.
Ich lebe für diejenigen, die nicht die Chance hatten, die ich hatte. Und ich erzähle diese Geschichte als Stimme derer, die es nicht geschafft haben, der Jugendlichen, mit denen ich auf jenem Brachland aufgewachsen bin und die gestorben sind und vergessen wurden. Viele starben genau dort, einige wurden von den Maschinen zerquetscht, die den Müll zusammenpressten, andere bei Unfällen, während sie durch die Straßen zogen, um Wertstoffe zu sammeln. Heute möchte ich die Stimme all dieser Menschen sein, die zum Schweigen gebrachte Stimme meiner Großeltern und meiner Eltern, die dieses Schicksal erdulden mussten, und die Stimme jener Minderjährigen, deren einzige Hoffnung darin bestand, zu überleben.
Heute schreibe ich diese Sätze in Deutschland, in einem Europa, wo Überfluss zur Normalität geworden zu sein scheint. Der Kontrast zerreißt das Gewissen. Während ich dies schreibe, muss ich unweigerlich an die Seiten von „Los gallinazos sin plumas“ (Die Geier ohne Federn) von Julio Ramón Ribeyro denken. Ich selbst war – symbolisch und tatsächlich – eine von ihnen. Mein Schicksal schien von einem prekären System, das die Kräfte der Schwächsten auffrisst, vorbestimmt. Mit Schmerz beobachte ich, wie mein Tumbes weiterhin von modernen „Geiern“ bewohnt wird: alte Menschen und Kinder, die vor den Toren überlasteter Krankenhäuser sterben. Hier ist Geldmangel ein Todesurteil. Es liegt eine tragische Ironie darin, dass sich die politische Klasse Perus mit der Gier von Aasfressern um die Macht streitet, während das Volk weiterhin in einer scheinbar bodenlosen Krise versinkt. Würde sollte kein geografischer Zufall sein, sondern ein universelles Menschenrecht.
Heute will uns die politische Klasse das Einzige nehmen, was uns noch bleibt: die Bildung. Das Stipendium „Generación del Bicentenario“, das Pendant zu dem Stipendium, das mich gerettet und mir eine berufliche Laufbahn ermöglicht hat, soll abgeschafft werden. Dieses Stipendium ist nicht nur eine einfache Unterstützung. Für Fachkräfte aus prekären Verhältnissen, die gegen die negativen Statistiken ankämpfen, ist es der einzige Schlüssel, Master- und Aufbaustudiengänge an den besten Universitäten der Welt zu absolvieren. Diese Finanzierung zu streichen, ist eine tödliche Gefahr und eine historische Ungerechtigkeit. Es spricht denjenigen, die aus den schwächsten Bevölkerungsschichten stammen, das Recht auf Ausbildung oder auf eine akademische Laufbahn ab. Es bedeutet, Erfolg und Leistung künstliche Grenzen zu setzen und Peru dazu zu verdammen, seine klügsten Köpfe zu verlieren, nur weil eine Unterschrift im Haushalt fehlt. Es gibt keine Finanzierung für die Unterprivilegierten, es gibt Geld für alles andere, nur dafür nicht. Denn es war nie politische Priorität und politischer Wille, den Blick auf die Basis der Gesellschaft zu richten.
Ich erhebe meine Stimme von diesem Ort aus mit dem Wunsch, dass mein Schrei gehört wird. Ein Aufbaustudium darf nicht das Privileg einer kleinen Gruppe sein, sondern ein Recht, das Begabung unabhängig von der Herkunft belohnt. Die Streichung des Stipendiums „Generación del Bicentenario“ bedeutet, den Motor der Transformation eines ganzen Landes abzuschalten. Bitte nehmt uns nicht das Einzige, was wir haben! Nehmt uns nicht das Recht, weiter über das Brachland hinauszufliegen.
Diana Lucano, übersetzt von Annette Brox.
Der Beitrag wurde auf der Website der Infostelle Peru veröffentlicht und mit deren Genehmigung hier übernommen! Danke Diana und Annette!







