Gesund und erfüllt aus Peru zurück
Liebe Freundinnen und Freunde und Interessierte an der Partnerschaft mit Santo Tomás in den peruanischen Südanden!
Seit dem 14. November bin ich nun wieder gesund und erfüllt von unglaublich vielen neuen und intensiven Erfahrungen aus Peru zurück. Und ich bringe allen herzliche Grüße mit aus unserer Partnergemeinde Santo Tomás!


Mein Rückflug von Lima nach Amsterdam war leider verspätet, da die Maschine einen Schaden an einem Startertriebwerk hatte. Statt um 21:30 zu abzufliegen, konnten wir erst um 1:30 nachts starten, sodass ich erst einen halben Tag später in Frankfurt eintraf. Doch nach dieser intensiven und ereignisreichen Zeit in Peru konnte mich wirklich nichts mehr aus dem Gleichgewicht bringen! - Am Ankunftsabend kamen die Freundinnen und Freunde aus der Perugruppe zu einem Begrüßungstrunk, interessiert an den neuesten Nachrichten aus der Partnergemeinde. Es wurde ein langes und intensives und fröhliches Beisammensein.
Zum Glück hatte ich in Peru weder Probleme mit der Höhenkrankheit noch andere gesundheitliche Schwierigkeiten. Es ging mir wirklich sehr gut! Bezeichnend dafür ist, was Padre Jeremias nach meiner Abreise in einer e-mail schreibt: "Die Leute hier reden noch immer über Monikas Besuch. Sie lief auf 4000 Meter über dem Meeresspiegel herum, als sei sie hier geboren und 30 Jahre jünger! Es war wunderbar sie und Regina hier zu haben und sie haben tatsächlich das umfangreiche Programm (und mehr) absolviert, das ich für sie geplant hatte."
Regina Riedel und zeitweise auch Franz Riedel (sie leben seit über dreißig Jahren in Peru und arbeiten seit vielen Jahren in den vier Provinzen der Prälatur Sicuani) haben mich freundschaftlich bei meiner Partnerschaftsreise durch die Provinz Chumbivilcas begleitet. Sie waren für mich nicht nur erfahrene Dolmetscher, die außer Spanisch auch Quechua sprechen. Besonders bereichernd war, dass sie mich an ihren vielfältigen Kenntnissen und Erfahrungen teilhaben ließen, so dass ich wieder viel über das Land, die Menschen, ihre Traditionen und ihre derzeitige Situation lernen konnte. Gestärkt und getragen hat mich der Gedanke, unter dem unsere Reise durch die Provinz stand: „Wir haben hier eine gemeinsame Aufgabe!“
Regina Riedel ist seit 2003 die Direktorin von „PEJ“ (Programm für Arbeit und Ausbildung von Jugendlichen der Diözese Sicuani). PEJ hat vor sechs Jahren unter anderem eine „Andenschule“ (Escuela Andina) entwickelt, die inzwischen sehr erfolgreich arbeitet. Jugendliche werden dort für alle Bereiche ihrer ländlichen Arbeit in den Dörfern ausgebildet. - Neu ist ein Projekt, das die Jugendlichen darüber hinaus weiter begleiten will, damit sie das Gelernte auch kontinuierlich umsetzen können. Außerdem sollen sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützt werden, ihre Rechte und Pflichten als Bürger kennen lernen, damit sie Verantwortung in ihrer Dörfern und in der Gesellschaft übernehmen können. Dieses Projekt von PEJ mit seinen Zielen: a) Die Entwicklung des Einzelnen und dessen Leistung zu unterstützen, sowie b) Die Vermarktungsmöglichkeiten im ländlichen Raum zu verbessern, sollte in seiner Wichtigkeit Anerkennung und Unterstützung finden, damit unter anderem der extrem starken Abwanderung der Jugendlichen entgegengewirkt werden kann, denn die weitere Entwicklung z.B. in der Provinz Chumbivilcas hängt auch davon ab, dass die Jugendlichen bleiben.
In Santo Tomás wurden wir mit großer Freude von vielen Gemeindemitgliedern und Padre Jeremias empfangen. Padre Jeremias, der inzwischen 70-jährige Pfarrer der Gemeinde, ist ein aus Boston/USA stammender Priester. Er lebt und arbeitet seit mehr als vierzig Jahren mit den campesinos (den Bauern der Anden) in Peru und ist 1993 in Santo Tomás. Er ist vital und wirkt wesentlich jünger als er ist und wir hoffen, dass er den Krebs endgültig besiegt hat, gegen den er seit neun Jahren kämpft. Ich bin sicher, ohne seine ungebrochene und bedingungslose Liebe zu den Armen und ohne sein beharrliches Engagement für sie, wäre es nicht zu den vielen sichtbaren Veränderungen gekommen, die es nicht nur im Gesundheitswesen gibt.
Mit Reginas unermüdlicher Unterstützung konnte ich viele Gespräche führen, z.B. mit der Menschenrechtsgruppe in Santo Tomás und den anwesenden Menschenrechtlern des Vicaria de Solidaridad, dem Menschenrechtsbüro des Bischofs aus Sicuani; mit den Katechetinnen und Katecheten und der Gruppe der Alten; mit der Frauengruppe, die sich für die Rechte der Frauen und Kinder einsetzt; mit dem Direktor und Schülern der Agrarschule (300 Schüler) und den Vertretern der Behindertengruppe. — Ich konnte mit Cirilo, dem Verantwortlichen für das PEJ-Jugendprogramm in Santo Tomás sprechen, der gemeinsam mit seinen Mitarbeitern mit der Unterstützung der Jugendlichen (Andenschule und anschl. Begleitung) jetzt in 2004 in fünf der acht Distrikte von Chumbivilcas beginnen will. Die Mitarbeiter von PEJ sind sehr gut ausgebildet und hochmotiviert! PEJ braucht jedoch für seine Arbeit dringend finanzielle Unterstützung.
In Santo Tomás haben wir die kleine Sonderschule, in der auf 50 m² siebzehn Kinder unterrichtet werden, sowie die zwei Primarschulen (700 und 1200 Schüler) und die Sekundarschule (1500 Schüler) besucht. Wir haben mit den Lehrern und Schülern über die schwierige schulische Situation sprechen können, die sich aus mangelnder Lehrerversorgung, Lehrmaterial und Räumlichkeiten ergeben.
Es ergab sich auch ein Gespräch mit einem Abgeordneten der Schulbehörde und der Verantwortlichen für Sonderschulen und Kindergärten. Wir erfuhren von ihnen von der Unterversorgung der Kinder besonders auch im Sonderschul- und Vorschulbereich. In der Sonderschule müssten eigentlich zwischen vierzig und fünfzig Kinder unterrichtet werden. Aber es ist kein Geld da für eine Erweiterung. Außerdem liegen 70 Anfragen von Dörfern vor, in denen um die Einrichtung einer Vorschule gebeten wird. Im Jahr werden jedoch nur zwei bis drei Vorschulen genehmigt, so dass die vorhandenen Vorschulen wegen der begrenzten Möglichkeiten nur Kinder ab fünf Jahren aufnehmen.
In den Dorfgemeinschaften fehlen nicht nur Kindergärten und Vorschulen, sondern auch Grundschulen und weiterführende Schulen. Kinder, die in entfernten Dörfern leben, haben oft einen stundenlangen Fußweg zur Schule. Erfreulich war die Eigeninitiative der comunidad Maccauhui mit ihren 150 Familien (ca. 1240 Menschen), die wir besucht haben. Hier hat man einen neuen Weg eingeschlagen. Als erste Gemeinde in der Provinz Chumbivilcas hat man eine integrierte Schule gegründet, angefangen vom Kindergarten mit Vorschule (für 30 Kinder), Grundschule (200 Kinder) bis zu einer weiterführendenden Schule (1. Grad), die noch erweitert werden soll.
Der Blick hinter die Kulissen von „Radio Santo Tomás“, das mit Unterstützung von Padre Jeremias vor einigen Jahren durch ehrenamtliche Katecheten der Pfarrei aufgebaut wurde, war sehr interessant und aufschlussreich. Im Laufe der Jahre hat Radio Santo Tomás seine Kapazität immer wieder erweitert. Heute werden die Sendungen in fast allen comunidades der Pfarrei empfangen. Das Radio ist zwar in den Räumlichkeiten des Pfarrhauses untergebracht, ist aber inzwischen eigenständig. Die Redakteure, Sprecher, Mitarbeiter (ehrenamtlich arbeitende Katecheten und pensionierte Lehrer sowie eine Radiojournalistin, die zuvor viele Jahre am Radio in Cusco gearbeitet hat) informierten uns über ihre Arbeit und das vielfältige Programm, das sie ausstrahlen. -
Alle Organisationen nutzen das Radio: Gesundheitswesen, Landwirtschaft, PEJ; Menschenrechte, politische Parteien, besonders auch die Katecheten, die das Radio für die Katechese nutzen. Das Radio steht allen offen, die ihre Gedanken und auch ihre Beschwerden aussprechen möchten. Der Bürgermeister und andere Autoritäten präsentieren sich spontan in einem zweistündigen Nachrichtenprogramm, ebenso viele Bürger, die sich mit ihren Meinungen dazu einbringen. Daraus ergeben sich oft lebhafte Diskussionen. Man ist in Santo Tomás davon überzeugt, dass das Radio bei der Entwicklung von Chumbivilcas eine Hauptrolle gespielt hat. - An einem Morgen hatten wir von sieben bis acht Uhr Gelegenheit in der Nachrichtensendung über die Partnerschaft zu sprechen. Wo auch immer wir später hinkamen, war nicht nur der Partnerschaftsbesuch, sondern auch die Basis unserer Partnerschaft (Kommunikation-Spiritualität-Solidarität) präsent.
Aktuell wurde das Ergebnis der „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ diskutiert, die am 28.8.2003 ihren Abschlussbericht vorgelegt hatte. In Peru versuchen verschiedene soziale Gruppen, Volksorganisationen und die sozial engagierten kirchlichen Gemeinden und Bewegungen zur Konsolidierung einer neuen demokratischen Etappe beizutragen. So auch die von der Übergangsregierung und von Präsident Toledo bestätigte „Wahrheits- und Versöhnungskommission“. Eingehend hatte sie sich mit dem internen Konflikt von 1980 bis 2000 zwischen dem Militär und der Terrororganisation „Sendero Luminoso“, bei dem 69 Tausend Menschen getötet wurden, auseinander gesetzt.
„Die Wahrheit der Zeit von 1980 bis 2000 ist selbst für Personen, Gruppen und Gemeinden, die sich in diesem Zeitraum für die Verteidigung des Lebens, der Menschenrechte und des Friedens eingesetzt haben, eine schockierende Wahrheit, eine Hinterfragung des begrenzten Einsatzes und eine Aufforderung zu einer persönlichen, kirchlichen und sozialen Besinnungszeit.“ (Regina Riedel)
Auf der Pastoralkonferenz der Provinz Chumbivilcas in Colquemarca, an der wir teilnehmen konnten, sowie bei einem Gespräch mit der Menschenrechtsgruppe in Santo Tomás, habe ich eine tiefe Betroffenheit gespürt, als sich die anwesenden Katecheten, Schwestern und Priester mit den Ergebnissen der Kommission auseinander setzten.
Regina Riedel: „Aber auch in den vier Provinzen unserer Diözese müssen wir uns einer alten/neuen Wahrheit stellen. Bis vor einem Jahr gingen wir (pastorale Mitarbeiter, das Menschenrechtsvikariat und der Bischof) davon aus, dass wir alle von der Gewalt direkt betroffenen Personen kannten, dass wir alle Familienangehörigen begleitet hatten, dass wir in allen Fällen von schweren Menschenrechtsverletzungen (Massaker, Attentate, Vergewaltigungen und Zwangsrekrutierungen) rechtliche Schritte und öffentliche Proteste durchgeführt hatten. Nach bisherigen Kenntnissen trifft das auch für die Menschen der Provinzen Canas, Canchis und Espinar zu, aber in der Provinz Chumbivilcas hat die Wahrheits- und Versöhnungskommission Zeugnisse von Familienangehörigen über die Ermordung von 69 Personen erhalten, von denen wir nichts wussten. Außerdem gab es in Chumbivilcas Zwangsrekrutierungen von Kindern durch den "Leuchtenden Pfad" und durch die Militärs, über deren Situation keiner etwas weiß.
Zu dieser neuen Wahrheit kommt die alte Wahrheit, dass die Mehrheit der 80 000 Menschen in der Provinz Chumbivilcas in extremer Armut leben und Kindersterblichkeit, Unterernährung, Analphabetismus und Arbeitslosigkeit, ... dort viel höher sind als in den anderen drei Provinzen unserer Prälatur.
Auch als Kirche haben wir die Menschen dieser Provinz marginalisiert. Keine der 6 Sozial- und Entwicklungsorganisationen der Prälatur hat den Arbeitsschwerpunkt in der Provinz Chumbivilcas und von den 14 Priestern sind nur 2 in der Provinz.
Vom 5.-7. November, in der Diözesanversammlung, werden wir den nationalen und den lokalen Bericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission analysieren und unseren prophetischen Auftrag im heutigen historischen Kontext neu definieren."
Ein erster wichtiger Schritt ist, dass PEJ ab Februar 2004 seinen Arbeitsschwerpunkt in Chumbivilcas haben wird.
Aus meinem Tagebuch: Dank Padre Jeremias Planung sehen wir viel von der Provinz. Gleichzeitig führt er uns auch die geographischen Besonderheiten dieser Landschaft vor Augen. Wieder kann ich mich nicht statt sehen an der faszinierenden und bizarren Schönheit dieses Teiles der Anden. Der ganze Bereich der zur Pfarrei gehört, ist vulkanischen Ursprungs, sodass es in diesem Gebiet wenig Ackerbau und nur ein bisschen Viehzucht gibt. Die 80.000 Menschen zählende Pfarrgemeinde mit ihren 100 comunidades liegt auf Höhen zwischen 2.800 und 5.400 m auf einer Fläche von 5.371 km². Das Gebiet wird durch einen Quellfluss des Amazonas getrennt. Auf unserer Fahrt durch die Provinz kommen wir an die Stelle, wo das tief eingeschnittene Flusstal mit seinen vielen Seitentälern die Pfarrei radikal zerschneidet. Ab hier scheint ein Zugang zu dem östlichen Teil der Pfarrei, in dem 30.000 Menschen fernab aller regelmäßigen schulischen und gesundheitlichen Betreuung leben, schier unmöglich. Mühsam muss man tief ins Tal hinuntersteigen. Dort führen nur fünf Brücken hinüber. Auch ein Motorrad hilft nicht weiter. Padre Jeremias geht mindestens acht Stunden zu Fuß, um die ersten abgelegenen comunidades jenseits der Schlucht zu erreichen. ...
Bei unseren Besuchen in Basisgemeinden verbringen wir den Tag miteinander; eine Kapelle wird eingeweiht; wir feiern Gottesdienst; Kinder werden getauft; gemeinsam wird gekocht und gegessen und diskutiert. Wir tauschen uns aus und im Gespräch kommen wir in Berührung mit den Menschen und ihren vielfältigen Anstrengungen aber auch Schwierigkeiten, die sie als Familien, in ihrer Arbeit als Katecheten, als Lehrer, als Bauern und besonders auch als Jugendliche in der Gemeinschaft zu bewältigen haben. Doch wir haben aber auch viel gelacht, gesungen und getanzt. — Padre Jeremias wird nicht müde, immer wieder auf die wertvolle geistliche Arbeit der Katechetinnen und Katecheten hinzuweisen. Sie sind die eigentlichen Seelsorger in ihren Gemeinden. ...
Ich ahne noch nicht welch beeindruckendes Erlebnis sich ankündigt, als Tage vor Allerseelen immer wieder Männer und Frauen ins Pfarrhaus von Santo Tomás kommen, um ihre Toten in Listen einzutragen oder eintragen zu lassen. Am Allerseelentag besuchen wir den Friedhof. Die Sonne scheint. Der Weg vor dem Eingang ist gesäumt von Buden und Ständen mit Essen, Getränken und Blumen. Die Gräber sind von den Angehörigen geschmückt mit Tüchern und den Gaben der Erde. Sitzgelegenheiten laden ein, sich nieder zu lassen, mit den Angehörigen zu essen, zu trinken, und sich erzählen zu lassen von den Toten, denen sie sich heute auf besondere Weise nahe fühlen. Nach der Messfeier, in der die Toten der vergangenen drei Jahre verlesen werden, gehe ich, den Arm voller Blumen an das Grab der Mutter meiner kleinen einjährigen Patentochter. Valentina starb als Sonalí drei Monaten alt war. Die ganze Familie ist versammelt. Die Großmutter, meine conmadre, reicht mir das Kind. Ein Beter kommt und spricht ein Gebet und bekommt eines der Teelichter, die Regina und ich auf das Grab gestellt haben. Danach besuche ich Aleja, die am Grab ihres Vaters sitzt, später ein Katechetenpaar, deren Tochter vor einem Jahr an einer bösartigen Krankheit gestorben ist und die mir vor ein paar Tagen ein Tuch ihrer verstorbenen Tochter über die Schultern gelegt haben. Ich bin tief berührt, dass ich einige Zeit an diesen Tag mit ihnen teilen kann. Die Feier auf dem Friedhof mit Musik, Essen und Blumen dauert den ganzen Tag. Padre Jeremias geht von Familie zu Familie, isst und trinkt mit ihnen und segnet die Gräber.
Sehr herzlich war die Begegnung mit den „Schwestern vom armen Jesus“ (Hermanas de Jesus Pobre), die wir in ihrem in ihrem Mutterhaus in Quinota besuchten. Uns beeindruckte die engagierte Arbeit dieser Quechuafrauen mit den Kindern, Jugendlichen und Familien. Es ist sicher ein Segen für die Provinz, dass Bischof Miguel die Schwesternschaft, die früher in Cajamarca arbeitete, aber vor ein paar Jahren von dem jetzigen Bischof von Cajamarca aufgelöst wurde, im Oktober 2002 in der Prälatur Sicuani aufgenommen hat. Inzwischen haben die Schwestern in Quinota einen Kindergarten eingerichtet, den täglich mehr als zwanzig Kinder besuchen. Abends kommen fast immer bis zu fünfzig Jugendliche, um sich bei ihnen zu treffen. Der Gruppenraum ist spartanisch eingerichtet; Steine und Bretter dienen als Sitzgelegenheiten, aber es herrscht eine so liebenswürdige, heitere Atmosphäre, dass man das schnell vergisst.
In Santo Tomás erlebte ich nicht nur die große Überraschung und Freude, als Vertreterin unserer Partnerschaft von Bürgermeister Clemente Enriquez Marquez die Ehrenbürgerschaft entgegennehmen zu dürfen, sondern auch die große Freude, an der Einweihung des bereits fertig gestellten Teils des kleinen Hospitals teilzunehmen, für das wir gemeinsam mit der Pfarrei seit Jahren kämpfen . Fertig gestellt sind inzwischen folgende Gebäude: die Ambulanz, sowie die Chirurgie und Gynäkologie. Der angegliederte Bettentrakt (18 Betten) neben der Chirurgie ist 2002 im Rohbau stecken geblieben. Die Kranken sind derzeit alle gemeinsam in einem großen provisorischen Krankensaal untergebracht. Der neue Bürgermeister hat in meinem Beisein die Zusage gemacht, den Bau der Bettenstation in 2004 fertig zu stellen.
Die Kinder- und Mütterstation (24 Betten), die vom Kindermissionswerk (Sternsinger) Aachen finanziert wird, ist im Rohbau fertig. Das Dach ist gedeckt, sodass man mit den Innenausbau beginnen kann. Auch dieses Haus soll in den ersten Monaten dieses Jahres fertig werden. Es fehlen noch Gelder für den Bau einer Rampe von der Chirurgie zur Kinder- und Mütterstation, für die Gebäude der Notaufnahme, der Autopsie und für das Haus (casa de madre), in dem sich Frauen, die von weit kommen, vor der Geburt ihres Kindes einige Zeit eingewöhnen sollen, um sich an den ihnen fremden Hospitalbetrieb, an die Schwestern und Ärzte zu gewöhnen. Dramatisch ist, dass es noch immer keinen Krankenwagen gibt.
Zur genaueren Information: Bei dem Hospital handelt sich um ein so genanntes "Hospital de Apoyo" (Unterstützungshospital), das heißt, es fungiert zur Unterstützung der Gesundheitszentren (Centre de Salud) in den Distrikten. Im Hospital sollen Notfälle aufgenommen und behandelt werden, die in den Gesundheitszentren nicht behandelt werden können, wie Operationen, chirurgische Eingriffe, Behandlungen bei Verbrennungen etc. Früher musste man diese Notfälle in die Krankenhäuser des 8 Stunden entfernten Cusco oder des 15 Stunden entfernten Arequipa bringen. Oft starben die Menschen, weil der Weg zu weit war. - Das Hospital hatte bei meinem Besuch ein Team von fünf Ärzten, unter ihnen einen Chirurgen, einen Gynäkologen sowie einen Zahnarzt.
Vom Tag der Einweihung des Hospital hier ein Auszug aus meinem Tagebuch vom 3.11.2003: „Heute sollte das Hospital eingeweiht werden. Für solche Tage planen auch die Peruaner ganz genau. Um 8:30 ist im Radio Santo Tomás eine Pressekonferenz angesetzt. Um 9:00 h soll der Festakt zur Einweihung mit einem Gottesdienst beginnen. Doch das Leben bringt mit seinem eigenen Rhythmus alles durcheinander. Als wir gegen 9:30 verspätet im Hospital eintreffen, erfahren wir, dass die Vertreter des Gesundheitsministeriums aus Cusco, die seit gestern Abend unterwegs sind, wegen eines Unfalls zwischen Cusco und Santo Tomás irgendwo feststecken. Beim Betreten des provisorischen Krankensaals kommt uns Dr. Richard entgegen. Er berichtet von einer Notaufnahme. Am gestrigen Abend ist eine junge Schwangere (Erstgebärende) eingeliefert worden. Das Kind befindet sich in einer Steißlage. Nach eingehender Untersuchung und Beratung haben sich die Ärzte entschlossen, das Kind jetzt mit einem Kaiserschnitt zu holen, um das Leben von Mutter und Kind zu retten.
Da der Operationssaal noch nicht eingerichtet ist, ist Padre Jeremias inzwischen mit einigen der jungen Männer dabei den OP-Tisch aufzubauen, während andere den OP einrichten und für die Operation vorbereiten. Zum Flur hin haben die Türen noch immer keine Scheiben. Also von Sterilität keine Spur! Wir halten den Atem an. Der Notfall bringt alle in Bewegung. Doch die Ärzte und das Personal sind ruhig und hochkonzentriert.
Gegen 11:30 ist ein kleiner, gesunder Junge auf der Welt. Mutter und Kind geht es gut. Wir atmen alle erleichtert auf und sind überglücklich! Jetzt kann der Festakt mit dem Gottesdienst im provisorischen Krankensaal beginnen. Padre Jeremias fordert mich auf, den Partnerschaftskanon anzustimmen: "Compartir la esperanza - Hoffnung teilen schenkt Freude am Leben. "Ich singe für uns alle hier und für alle, die mit uns zu Hause in Gedanken und im Gebet verbunden sind!“
Am Abend vor unserer Abreise hatten wir im Pfarrhaus noch einige Gespräche mit Kranken oder deren Angehörigen. Es ist unglaublich schwer zu ertragen, wenn man zum Beispiel erfährt: da ist ein junger Mann von 19 Jahren, der seit Mai 2003 weiß, dass er an einem Gehirntumor leidet. Der Tumor bereitet ihm nicht nur schreckliche Kopfschmerzen, sondern er wird demnächst daran erblinden, wenn er nicht operiert wird. Die Operation kostet 1000 €, die weder er, noch die Pfarrei aufbringen können. Padre Jeremias ergänzt: der junge Mann lebt mit seiner Familie in extremer Armut. Der Vater ist vor einigen Jahren gestorben, die Mutter ist bettlägerig krank und er selbst ist der Älteste von vier jüngeren Brüdern und für die Familie verantwortlich.
Ich kann seine Augen nicht vergessen! Er blickte mich an, als hätte er bereits alle Hoffnung verloren. Aber sein Seelsorger, Padre Jeremias, der hofft und glaubt für ihn.
Mit all diesen erfüllenden, ergreifenden, aber auch mit diesen schweren Erlebnissen im Gepäck bin ich nach Hause zurückgekehrt im Bewusstsein: die Provinz Chumbivilcas ist trotz aller sichtbaren Veränderungen im Gesundheitswesen, im Straßenbau und der Infrastruktur, noch immer die zweitärmste Provinz Perus. Fast die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 16 Jahre und die meisten Familien bezeichnet man als extrem arm.[1] — Die neuesten Untersuchungen weisen aus: Wenn in Lima 5 Menschen sterben, sterben in Chumbivilcas 10 Menschen. Wenn in Lima 20 Kinder sterben, sterben in Chumbivilcas 100 Kinder. Wenn in Lima eine Mutter stirbt, sterben in Chumbivilcas 30 Mütter! Das sind schlimme Zahlen und hinter jeder steht ein wichtiges unverwechselbares Menschenleben! — Und dennoch, es gibt so viele Zeichen von Würde in dieser erschreckenden Armut, so viele Zeichen der Hoffnung inmitten tiefer Verlassenheit, Zeichen von so viel Mut in den Gesichtern der Menschen, die mir begegnet sind, und so viel Ausdruck von Gemeinschaft trotz der Isolation dieser Provinz.
Der Leitgedanke von PEJ drückt genau aus, wo wir uns immer wieder einmal befinden:
"Levántate y anda ... Steh auf und geh." (Mk 5,41; LK 7,14)
Ja, und wie sollten wir auch mutlos werden angesichts der Hoffnung und des Mutes unsere Partnerfamilie! Machen wir also weiter im tiefen Vertrauen auf Gottes Beistand und Hilfe. Hat er nicht in der Vergangenheit immer wieder unsere Herzen geöffnet und unsere Kreativität hervorgelockt? Doch Hingabe und Gebet schließen politisches Handeln nicht aus — was uns nicht nur Padre Jeremias dort in Peru exemplarisch vormacht — denn Gott hat uns nicht nur unsere Hände gegeben. Er hat uns auch unseren Geist gegeben und Augen, die sehen können und Ohren, die hören und einen Mund, der sprechen kann.
Aus Santo Tomás bringe ich euch und Ihnen allen ein herzliches
„muchas gracias“ und „abrazos“ (Umarmungen) mit!
Monika Mika, Richard-Wagner-Straße 3, 69502 Hemsbach,
Mitglied der Perugruppe St. Laurentius Hemsbach
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[1] Peru hat 26 Millionen Einwohner, davon in Lima und Hafen 10,5 Millionen Menschen. In Peru sind 3,8% extrem arm. Als „extrem arm“ bezeichnet man Menschen, die monatlich im Durchschnitt nicht mehr als 24 US-Dollar zur Verfügung haben. In Lima sind 2,5% der 10.5 Millionen extrem arm. Im Vergleich dazu: In der Provinz Chumbivilcas leben zwei Dritte (66,6 %) der 80.000 Einwohner unter ärmlichen Verhältnissen, davon 62,7 % in extremer Armut.
